Christus unser König – auch heute noch?

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Als Pilatus Jesus verhörte, fragte er Ihn, ob Er der König der Juden sei, woraufhin Jesus ihm antwortete: „‚Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wäre Mein Königtum von dieser Welt, hätten meine Untergebenen gekämpft, dass Ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist Mein Königtum nicht von hier.‘ Da sprach Pilatus zu Ihm: ‚Du bist also ein König?‘ Jesus antwortete: ‚Du sagst es, Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf Meine Stimme.‘“1

Diese Stelle aus dem Johannesevangelium lässt erkennen, dass man Christus zu Recht einen König nennen kann und dass Christus auch für sich beansprucht hat, ein König zu sein. Aber wenn Christus davon spricht, dass sein Königtum nicht von dieser Welt ist und dass er gekommen ist, um für die Wahrheit Zeugnis zu geben, dann bedeutet dies, wie Papst Pius XI. (1857–1939) in seinem Rundschreiben Quas Primas hervorhebt, dass die Herrschaft Christi vor allem geistiger Natur ist und die geistigen Belange betrifft. Denn, wie wir im Johannesevangelium im 6. Kapitel lesen können, zog sich Jesus zurück, als er merkte, dass die Leute, welche Zeugen seiner wunderbaren Brotvermehrung wurden, ihn, wie es heißt, „ergreifen wollten, um ihn zum König zu machen“2. Bedeutet dies aber, dass Christus jeden zeitlichen Herrschaftsanspruch für sich abgelehnt hat? Dass er also König über die einzelnen Herzen seiner Gläubigen und König über das Himmelreich ist, nicht aber ein König der Gesellschaft, der Staaten, Völker und Nationen? Irren also all jene, welche das soziale Königtum Jesu Christi proklamieren?

Am 11. Dezember 1925 führte Papst Pius XI. mit seinem Rundschreiben Quas Primas das Christkönigsfest ein und legte es auf den letzten Sonntag im Oktober, an welchem es noch heute im altehrwürdigen römischen Ritus gefeiert wird. Im Novus Ordo wird das Fest am letzten Sonntag im Kirchenjahr gefeiert. 

Die Einführung dieses Festes begründete der Heilige Vater dabei mit deutlichen Worten: „Wenn wir nun anordnen, Christus solle von der ganzen katholischen Welt als König verehrt werden, so wollen wir damit auch dem Bedürfnis unserer Zeit entgegenkommen und ein wirksames Heilmittel jener Pest entgegenstellen, welche die menschliche Zeit befallen hat. Die Pest unserer Zeit ist der sogenannte Laizismus mit seinen Irrtümern und gottlosen Absichten. [ … ] Man begann damit, Christi Herrschaft über alle Völker zu leugnen; man stritt der Kirche ihre Rechte ab, das aus dem Rechte Jesu selbst hervorgeht, die Menschheit zu lehren, Gesetze zu geben, die Völker zu leiten, um sie zur ewigen Seligkeit zu führen. Nach und nach wurde die christliche Religion mit den anderen, falschen Religionen gleichgestellt [ … ]. Gewisse Staaten glauben sogar, Gott entbehren zu können[.]“3

Wie man leicht erkennen kann, stellt der Papst deutlich dar, dass Christi königliche Herrschaft nicht nur auf die geistigen Dinge beschränkt ist, sondern sich ganz uneingeschränkt auch auf alle zeitlichen und weltlichen Belange erstreckt, auf Gesellschaft, Völker und Staaten. Auch sein Vorgänger, Papst Leo XIII. (1810–1903), forderte mit ähnlichen Worten diesen universalen Herrschaftsanspruch Christi ein. Die Herrschaft Christi, so Papst Leo XIII. „erstreckt sich nicht nur auf die katholischen Völker, auch nicht nur auf jene, die durch die Taufe von Rechts wegen der Kirche angehören, [ … ] sondern sie umfasst auch jene, die den christlichen Glauben nicht besitzen; somit untersteht im vollsten Sinne die ganze Menschheit der Herrschaft Jesu Christi.“4

Fordert die Kirche hiermit aber nicht etwas, was Jesus für sich anscheinend nicht nur nicht beansprucht, sondern sogar abgelehnt hat? Schließlich ist nach seinen eigenen Worten sein Königtum nicht von dieser Welt? 

Dass hier nur ein scheinbarer Widerspruch vorliegt und die Kirche Jesus Christus zu Recht als Herrscher und König der ganzen Menschheit proklamiert, lässt sich zunächst durch andere Stellen der Evangelien zeigen. So verheißt bei der Verkündigung der Engel über den Messias, den Maria empfangen soll: „Gott der Herr wird Ihm den Thorn Seines Vaters David geben, und Er wird herrschen über das Haus Jakob ewiglich und Seines Reiches wird kein Ende sein.“5 Und Jesus selbst sagte kurz vor Seiner Himmelfahrt zu Seinen Aposteln: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie lehrt, alles zu halten, was Ich euch aufgetragen habe.“6 Jesus selbst spricht also davon, dass Ihm alle Gewalt auf Erden gegeben ist und sich alle Völker nach Ihm und seinem Gesetz richten müssen. 

Bevor wir uns anschauen, wie das damit zusammenpasst, dass Christus für sich ein irdisches Königtum ablehnt, wollen wir zunächst der Frage nachgehen, was diese universale königliche Herrschaft Christi begründet. 

Der heilige Kirchenvater Cyrill von Alexandrien (375/380–444 n. Chr.) schreibt dazu: „Christus besitzt die Herrschaft über alle Geschöpfe nicht infolge gewaltsamer Aneignung, nicht aus fremder Hand, sondern auf Grund seines Wesens und seiner Natur“7.

Und wie ist Seine Natur? Christus besitzt zwei Naturen, die göttliche und eine menschliche. Denn es ist eine feste und unumstößliche christliche Glaubenswahrheit, dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Bekanntermaßen hat die zweite göttliche Person im Schoß der Jungfrau Maria Fleisch, also die menschliche Natur angenommen. Der Gottheit nach ist Christus wesensgleich mit dem Vater, der Menschheit nach ist er uns wesensgleich, ‚in allem uns gleich, außer der Sünde‘8. Diese Vereinigung bezeichnet man auch als hypostatische Union. Durch diese Vereinigung ist die menschliche Natur Christi in eine Ordnung erhoben, welche die Ordnungen aller Geschöpfe übersteigt. Infolgedessen ist auch „die Menschheit des Herrn mit seiner Gottheit Gegenstand ein und derselben […] Anbetung, wie sie nur Gott gebührt. Gott anbeten bedeutet aber seine absolute Oberherrlichkeit anerkennen und sich ihr unterwerfen. Folglich besitzt Christus auch als Mensch kraft der hypostatischen Union diese höchste Herrschaft über alle Geschöpfe[.]“9

Der universale Herrschaftsanspruch Christi liegt darüber hinaus auch in seinem Werk der Erlösung begründet. Denn, wie es im 2. Kapitel des Hebräerbriefes in Vers 9 heißt, wurde Christus „mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt wegen seines Todesleidens“.

Wenn aber Christus aufgrund seiner Gottheit und seines Erlösungswerkes die höchste Herrschaft über alle Geschöpfe besitzt, dann besitzt er diese ebenso über alle menschlichen Vereinigungen und Gesellschaften, über alle Familien, Dörfer und Städte, über alle Völker und Nationen. Denn jeder Staat ist wie jede andere menschliche Gemeinschaft nach den Worten des heiligen Kirchenlehrers Augustinus (354–430 n. Chr.) „nichts anderes als eine Vielheit von Menschen, die in Eintracht zusammenlebt.“10 Und dementsprechend fließt auch „das Glück des Staates nicht aus einer anderen Quelle als das des Einzelmenschen“11. Und diese Quelle des Glücks kann nur Jesus Christus sein, denn, wie der Apostel Petrus vor dem Hohen Rat im Hinblick auf Christus verkündete: „Es ist in keinem anderen das Heil; denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, wodurch wir gerettet werden sollen.“12

Es ist also, um wieder Papst Pius XI. aus der Enzyklika Quas Primas das Wort zu überlassen, eine Forderung der göttlichen Würde Christi, „dass die ganze menschliche Gesellschaft sich nach den göttlichen Gesetzen und den christlichen Grundsätzen richte[.]“13 Und wenn „die Menschen die königliche Macht Christi im persönlichen und öffentlichen Leben anerkennen würden, so würden notwendigerweise unglaubliche Wohltaten, wie gerechte Freiheit, Ordnung und Ruhe, Eintracht und Friede, die bürgerliche Gesellschaft beglücken.“14

Wenn also Christus sich von der Volksmenge zurückzog, um von dieser nicht zum König gemacht zu werden und wenn Er vor Pilatus spricht, dass Sein Königtum nicht von dieser Welt sei, dann lehnt Er damit nicht ein universales Königtum ab, sondern Er lehnt ein irdisches Königtum nach allzu menschlichen Vorstellungen ab. Denn jedes irdische Königtum ist einerseits sowohl zeitlich als auch räumlich begrenzt und damit vergänglich und andererseits immer geprägt von menschlicher Schwäche und Sündhaftigkeit. Unser Herr Jesus Christus aber, der, wie wir um Gloria beten, alleine der Heilige, der Herr und der Höchste ist, ist seit Seiner Menschwerdung aufgrund Seiner Gottheit König über alle Geschöpfe durch alle Zeiten hindurch. Und selbst wenn die Erde und mit ihr alle irdischen Territorien vergangen sein werden, geht Sein Reich nicht unter, sondern bleibt bestehen in alle Ewigkeit; oder mit den Worten aus dem Credo: „Cuius regni non erit finis – Seines Reiches wird kein Ende sein.“ Und, wie Papst Leo XIII. betont, es ist die „göttliche Liebe [ … ], die dem Reich Jesu Christi seine Macht und seine Gestalt verleiht; heilige, geordnete Liebe ist seine Grundlage und sein höchstes Ziel.“15

Schließen wir also mit den eindringlichen, und heute mehr denn je aktuellen Worten des Heiligen Vaters, Pius XI., aus der schon mehrfach erwähnten Enzyklika: „Je mehr man bei internationalen Konferenzen und in den Parlamenten den liebreichsten Namen Unseres Erlösers mit ungebührlichem Schweigen übergeht, desto lauter müssen wir ihn in die Welt hineinrufen und die Rechte der königlichen Würde und Macht Christi überall verkünden.“16

In diesem Sinne: Viva Cristo Rey – Es lebe Christus, der König!

  1. Vgl. Joh 18,33-37.
  2. Joh 6,15.
  3. Pius XI, Quas Primas, 89. Nummerierung folgt dem Werk Heilslehre der Kirche. Dokumente von Pius IX. bis Pius XII.
  4. Leo XIII., Annum Sacrum, 106. 
  5. Lk 1,32-33.
  6. Mt 28,18-20. 
  7. Cyrill von Alexandrien, zitiert nach Quas Primas 71.
  8. Vgl. Hebr 4,15.
  9. Diekamp, Dogmatik, 603.
  10. Augustinus, zitiert nach Quas Primas 80.
  11. Augustinus, zitiert nach Quas Primas 80.
  12. Apg 4,12.
  13. Quas Primas, 101. 
  14. Quas Primas 81.
  15. Leo XIII., Tametsi futura 48. 
  16. Quas Primas 92.